Papierlos an der Uni Gastartikel by Jan Schaller

Papierlos an der Uni Gastartikel by Jan Schaller

Der Ausgangspunkt

Als mein Studium der Politikwissenschaft im Herbst 2011 begann, war mir klar, dass ich viel lesen werde. Dass es dann aber so viel wird, hätte ich nicht für möglich gehalten. Jede Woche im dreistelligen Seitenbereich unterwegs zu sein, war völlig normal. Und das waren nur die normalen Semesterwochen. Sobald es in die Semesterferien ging, intensivierte sich der Spaß noch einmal deutlich. Denn entgegen der landläufigen Annahme sind Semesterferien zum Großteil keine Ferien, sondern nur vorlesungsfreie Zeit. Statt also faul am Strand zu liegen, werden Klausuren geschrieben und Hausarbeiten angefertigt. Damit einher geht wiederum lesen, lesen, lesen.

Zu Beginn eines jeden Semesters stand daher auch immer der Gang in einen der umliegenden Copy-Shops an. Rund um die Uni hatte sich hier eine florierende Kopierer-Wirtschaft angesiedelt. Dort angekommen, konnte man dann schon vorbereitete, fertig ausgedruckte und gebundene Seminar-Reader kaufen, die alle Texte für das jeweilige Seminar enthielten. Das war natürlich sehr viel einfacher, als Woche für Woche selbst zu drucken, bedeutete aber natürlich auch, mit vielen hundert Seiten Text nachhause zu gehen. Nicht mit eingerechnet sind hier die Mitschriften in Seminaren, die (ja, tatsächlich!) auch teilweise noch per Hand erfolgten. 2011 war die Lage einfach noch nicht sonderlich rosig, wenn es um Geräte für digitale Mitschriften ging. Einige hatten diese schrecklichen Netbooks, die viel zu wenig Power hatten und selbst mit Word so ihre Probleme bekamen. Außerdem waren sie eine optische Katastrophe – aber das ist nur meine Meinung. Ich selbst hatte zuhause zwar einen Laptop stehen, allerdings war der auch mein Gaming-Rechner und damit entsprechend schwer und unhandlich. Sicherlich nichts, was ich tagtäglich mit in die Uni nehmen möchte.

Ein erster Versuch, Abhilfe zu schaffen, scheiterte kläglich. Mich hatte das Asus Transformer Pad in seinen Bann gezogen. Dieses Gerät war wahrscheinlich eines der ersten Convertables und natürlich nicht einmal annähernd ausgereift. Es handelte sich hier um ein Android-Tablet mit ansteckbarer Tastatureinheit, die auch einen Akku beinhaltete. Eigentlich verdammt praktisch. Leider war das gute Stück mit so wenig Prozessor-Power und Arbeitsspeicher ausgerüstet, dass sinnvolles Arbeiten nicht möglich war. Die frühe Android-Version dürfte ihr Übriges getan haben. Selbst bei Office-Anwendungen kam es nicht hinterher. Wenn ich einen Satz tippte, brauchte das Schreibprogramm ungefähr fünf Sekunden bis es meine Anschläge in Buchstaben auf dem Bildschirm umgesetzt hatte. Was für ein Wahnsinn!

Die Reise

Es reifte also der Entschluss, dass es doch auch besser gehen müsste. Zuhause stapelten sich derweil die alten Seminartexte, die natürlich auch nicht durchsuchbar waren. Benötigte ich etwas für eine Seminararbeit, musste ich mich jedes Mal wieder durch meine Ordner wühlen. Alles in allem sehr unbefriedigend. Es folgten Experimente mit dem Kindle, da ich den eh schon zum Lesen von Büchern hatte und ein großer Fan bin. Es stellte sich aber schnell heraus, dass er für diesen Einsatzzweck völlig unbrauchbar war. Man KANN zwar Passagen markieren, WILL es aber nicht. Zumindest nicht, wenn man das mehrmals pro Seite tut. Dafür ist der eIn Bildschirm einfach nicht gemacht. Hinzu kommt, dass man auf einem Kindle nur eBooks sinnvoll lesen kann. Wer schon mal versucht hat, eine PDF-Datei darauf zu lesen, wird wissen wovon ich rede. Die gesamte PDF-Seite wird auf dem winzigen Bildschirm angezeigt, sodass man gar nichts mehr erkennt. Auch zoomen ist keine Option, weil es einfach ewig dauert.

Wirklich verbessert hat sich die Situation erst, als ich mir mein erstes iPad zugelegt habe, ein iPad Air. Ich war am Anfang übrigens einer derjenigen, die auf Apple schimpfen, weil ja alles so teuer sei und man im Apple-Ökosystem gefangen ist. Wohlgemerkt, bevor ich jemals ein Produkt ausprobiert hatte. Mittlerweile sieht das ein wenig anders aus. Umso mehr „richtige“ Arbeit ich mache, umso wichtiger ist es mir, Hardware und Software zu haben, die durchdacht ist und immer funktioniert. Ich habe auch eh bei weitem nicht mehr so viel Zeit wie früher und gar keine Lust, ständig die Oberfläche meines Smartphones zu tweaken. Von daher: Ja zu Apple.

Allerdings war auch dieses Setup noch weit davon entfernt, ideal zu sein. Da die alten iPads noch keinen Stiftsupport hatten, gab es nur Stifte, die mehr oder weniger einen Finger imitieren. Immerhin konnte man so einfacher Textstellen in PDFs markieren, das Gelbe vom Ei war das aber dennoch nicht. Gleichzeitig beschäftigte ich mich zunehmend mit dem papierlosen Arbeiten. Ich druckte immer weniger Texte aus, lernte Dokumentmanager wie Devonthink kennen und hörte Tech- und Produktivitätspodcasts. Vor allem die Mac Power Users haben hier eine große Rolle gespielt. Durch viele Selbstversuche lernte ich mit der Zeit was gut geht (Texte lesen, bearbeiten, schreiben) und was schlecht funktioniert (Handschrift, Literaturverwaltung). So konnte immer mehr Bereiche eines typischen Studiums digitalisieren.

Natürlich bin ich manches Mal auch verzweifelt, z.B. als ich meine Masterarbeit neben der gedruckten Fassung auch auf drei CDs (!) abgeben musste. Keine USB-Sticks oder SD-Karten, nein, CDs… Da fehlen einem manchmal wirklich die Worte.

Mittlerweile arbeite ich unterwegs (und oft auch zuhause) übrigens auf einem iPad Pro 12.9 mit Apple Pencil und Smart Keyboard. Das war natürlich nicht günstig, ist aber jeden Cent wert. Endlich habe ich das Gefühl, auch unterwegs keine Kompromisse mehr machen zu müssen, sondern so arbeiten zu können, wie ich es benötige.

Wissen weitergeben

Nach Abschluss meines Masters bin ich momentan in einer Art Zwischenphase und bereite mich auf meine Promotion vor. Eines Tages reifte dann der Wunsch, meine Erfahrungen zu teilen. Ich hatte so viel Zeit und auch einiges an Geld in Hard- und Software gesteckt, dass ich doch auch Andere daran teilhaben lassen könnte. Gerade angehende Studierende müssen so viel Neues lernen, dass ein paar gute Ratschläge in Sachen Technik sicherlich nicht schade. Kurze Zeit später gründete ich deshalb papierlos-studieren.net. Ich schrieb die Startartikel und arbeitete parallel Arbeit am Design. Seitdem kommt ein Artikel pro Woche, mal zu konkreten Apps, mal zu Workflows, mal auch einfach etwas weiterreichende Gedanken zu Produktivität, Zeitsouveränität oder sinnvollem Arbeiten.

Parallel schreibe ich momentan an einem umfassenden Ratgeber zum papierlosen Studieren. Die Idee ist, ein Buch zu liefern, was alle typischen Bereiche eines Studiums abdeckt. Da es ein eBook sein wird, beinhaltet es zahlreiche Screenshots und auch einige Screenflows. So wird das Ganze sehr viel anschaulicher und damit hilfreicher. Ich hoffe, es bis Oktober oder November fertigstellen zu können. Da ich aber schon knapp 50% des Inhalts fertig habe, bin ich optimistisch, dieses Ziel einhalten zu können.

Generell bin ich selbst äußerst gespannt, wohin sich dieses Projekt entwickelt. Ich bin nun natürlich kein Student mehr, strebe aber an, in der Wissenschaft zu bleiben. Meine Erfahrung sagt mir, dass hier noch wahnsinnig viel Potential für digitales und papierloses Arbeiten liegt. Ich bin also sehr optimistisch, auch in Zukunft genügend Themen zu finden.

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